Erfahrungsbericht

„Ich konnte meinem Mann nicht ins Gesicht sehen. Ich fühlte mich als Versagerin…“

★Kind Lukas, ca. 5. Monat – Bericht 1. Teil

[TRIGGERWARNUNG]
🌟Es war der 25.3.2015, 3 Uhr Nachts, als ich aufwachte. Stechende Schmerzen in meinem Bauch ließen mich vermuten, dass es mich durchräumen würde, und ich lief, so schnell ich konnte, aufs Klo. „Das ist ziemlich untypisch von mir, mitten in der Nacht so einen Vorfall zu
haben.“ dachte ich bei mir, während ich die Treppe runter lief, um rechtzeitig aufs Klo zu kommen. Ich massierte schmerzverzerrt meinen Bauch. Kaum saß ich auf der Kloschüssel, und gab Druck, hörte ich ein lautes „PLOP“. War das gerade der „Korken“?

◾Entgeistert sprang ich auf, rannte die Treppen wieder hoch, blieb in der Schlafzimmertüre stehen und sagte nur mit einem ernsten Ton:“Schatz.“
Mein Mann war noch nie so schnell wach, wie in diesem Moment. Noch während er sich anzog, ging ich wieder die Treppe runter. Ich setzte mich wieder auf die Kloschüssel und sah meinen Mann nur wortlos an.Tausende Gedanken schossen durch meinen Kopf. Doch
fassen konnte ich kaum einen. Ich wagte es nicht mal auszusprechen, was meine größte Befürchtung war. Ich wollte die Hoffnung nicht so schnell aufgeben.

◾„Soll ich den Krankenwagen rufen?“ fragte er. Ich nickte nur stumm. Das folgende Gespräch war schlimmer als die stechenden Schmerzen die meinen Bauch durchzogen.
„Ja, Walczuch hier. Meine Frau hat gerade eine Fehlgeburt.“
Geschockt sah ich ihn an. „Woher willst du das wissen? Bist du dir da sicher?“ flüsterte ich. Er sah mich nur traurig an, nickte und antwortete der Frau am Telefon mit: „Ja, es hängt noch an der Nabelschnur.“

◾Tränen schossen in meine Augen. Mein Kind war so eben geboren worden, und hing an der Nabelschnur in der Kloschüssel.
„Warum schon wieder? Warum?“ flüsterte ich fassungslos vor mich hin.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon 2 Fehlgeburten, doch noch keine Schwangerschaft hat so lange angehalten wie diese. Ich war das erste Mal fast bis zum 5. Monat gekommen.

◾„Ok. Dann machen wir das so.“ beendete mein Mann das Gespräch und legte auf. „Wir sollen eine Plastiktüte drunter halten, und ins Krankenhaus fahren, damit die Nabelschnur durchtrennt werden kann.“ sagte er mir. Ich konnte sehen, wie er versuchte ruhig zu bleiben, und die Situation unter Kontrolle zu halten. Doch so stark war ich nicht.
Wut, Panik und Angst durchströmten meinen Körper. „Ich fahr doch jetzt nicht halbnackt ins Krankenhaus!“ sagte ich entgeistert. Dann der Gedanke: „Was wenn, mein Kind ins Klo fällt?“


◾„Ok, bring mir eine Plastiktüte. Wir fahren.“ sagte ich. Als ich aufstand, und die Tüte darunter hielt, hörte ich wie mein Kind in die Tüte fiel. Die Nabelschnur war gerissen. Ich sah es an, und sah, das es tot war. Ich konnte es nicht fassen. Vor ein paar Stunden hatte ich ihn das erste mal Treten spüren können, und jetzt liegt er reglos in dieser Tüte. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, dass es ein Sohn geworden wäre.
Der Schmerz übermannte mich so sehr, das ich mich wieder hinsetzte, und mich weigerte, auch nur einen Schritt vor die Türe zu setzen, bevor alles vorbei war.
Da saß ich nun auf dem Klo, und lies der Natur ihren Lauf. Ich konnte meinem Mann nicht ins Gesicht sehen. Ich fühlte mich als Versagerin.
„Was hätte ich besser machen können?, Was habe ich falsch gemacht? Hätte ich das verhindern können? Was habe ich übersehen? Wie soll ich das den anderen erklären? Wie geht es jetzt weiter?“ So viele Fragen, zu wenige Antworten.


◾Ich wollte mich jemandem mitteilen. Vergeblich versuchte ich meine beste Freundin zu erreichen, die zu dem Zeitpunkt in Afrika war. Dann versuchte ich es bei meiner Trauzeugin. Ich erreichte sie. Trotz 4:30 Uhr morgens, war sie hochkonzentriert, und hörte mich an.
Ich werde nicht vergessen, wie heftig mich der Schmerz durchzog, als ich die Worte zum ersten Mal aussprach: „Ich hatte gerade eine Fehlgeburt. Unser Sohn ist tot.“
Nach einem mit viel Stille durchzogendes Gespräch mit meiner Trauzeugin, legte ich auf.

◾Dann merkte ich, wie mein Kopf versuchte den Schmerz zu bremsen. Ironische Gedanken
und schwarzer Humor kam in mir hoch, die ich sogleich mit meinem Mann teilte. Durch diesen „Galgenhumor“ den wir da entwickelten, konnten wir die ersten 20 Minuten dieser
schrecklichen Erfahrung soweit verarbeiten, das mein Kopf anfing wieder normal zu denken.


◾Ich spürte, wie die Nachgeburt gerade heraus fiel, und machte mich mental bereit zum Krankenhaus zu fahren. Ich besprach mit meinem Mann auf dem Weg zum Krankenhaus, was ich an diesem Tag vor hatte.
Wir hatten geplant an diesem Tag mit meinem Lobpreisteam in Siegenburg den Lobpreis zu machen. Denn am 25.4.2015 war dort der „Marsch des Lebens“. Und ich hatte nicht vor, das abzusagen.
Genauso verweigerte ich, mein Kind mit ins Krankenhaus zu nehmen. Denn ich wusste,
sie würden eine Autopsie an ihm machen, und dann im Müll entsorgen. Allein der Gedanke daran, gab mir einen Stich ins Herz…
[Fortsetzung folgt]

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