Erfahrungsbericht

Vor meinen Augen verschwamm alles. Ihre Stimmen hörte ich wie aus dem Off

[Triggerwarnung]

Erfahrungsbericht – Fehlgeburt vom Sternenkind Nathan – 9. SSW

Es würde schon alles gut sein..

Wir waren zelten, als es passierte. Ich war in der neunten Woche schwanger und wir freuten uns bereits riesig auf das Kind, malten uns die Zukunft aus und überlegten, wie es wohl sein würde, wenn Selah, unsere Tochter, eine große Schwester werden würde. Und dann begann ich zu bluten. Erst einmal dachten wir uns nichts weiter dabei, denn eine Woche zuvor war das schon einmal geschehen. Meine Frauenärztin hatte mich untersucht und mir versichert, dass alles in Ordnung war. Ich hatte den Herzschlag des Babies und die ersten Bewegungen auf dem Ultraschallgerät gesehen.

Doch als die Blutungen mehrere Tage nicht aufhörten und stattdessen stärker wurden, entschlossen wir uns, zur Untersuchung in die nächste Stadt ins Krankenhaus zu fahren. Ich hatte ein beunruhigendes Gefühl und war trotzdem zuversichtlich, dass schon alles gut sein würde. Ich war ja schließlich jung, gesund und bei Selah war die Schwangerschaft auch unkompliziert gewesen. Außerdem hatte ich die Stimme meiner Frauenärztin im Kopf, die gesagt hatte: „Alles gut. Kein Grund zur Sorge.“

Vor meinen Augen verschwamm alles

Auf Grund von Corona musste ich allein zur Untersuchung bei der Gynäkologin. Wir sprachen ungezwungen über dieses und jenes, über den Urlaub und das Zelten mit Kleinkindern, während sie zuerst einen Bauch-Ultraschall machte und mich dann vaginal untersuchte. Als sie mich dann mit ruhiger aber ernster Stimme bat mich auf den Stuhl an ihren Tisch zu setzen, ahnte ich es, doch hoffte noch auf alles. Vielleicht brauchte ich einfach etwas Ruhe und musste mehr liegen? Oder das Kind hatte eventuell eine körperliche Beeinträchtigung, aber es ging ihm ansonsten gut?

Die Ärztin schaute mir in die Augen, als sie mir mitteilte, dass unser Baby seit ca. einer Woche nicht mehr gewachsen war und sie keinen Herzschlag und nur wenig Fruchtwasser hatte finden können. Vor meinen Augen verschwamm alles und ich hörte ihre Stimme wie aus dem Off als sie mich fragte, ob sie meinen Mann holen sollte.

 

Mein Mann sah sofort, was passiert war

Das tat sie dann und während wir auf ihn warteten, erklärte sie mir unmißverständlich und freundlich, dass es nichts hätte geben können, was ich hätte anders machen können um es zu verhindern, es aber auch keine Erklärung dafür gäbe, warum es passiert war. Im Nachhinein bin ich unglaublich dankbar für diese mitfühlende liebevolle Ärztin.

Ryan kam und er sah an meinem tränenüberströmten Gesicht sofort, was passiert war. Er nahm mich in den Arm während die Ärztin uns die verschiedenen Optionen erklärte, die nun vor uns lagen.

Wir entschieden uns dafür, den Urlaub abzubrechen, nach Hause zu fahren und noch eine Zweitmeinung von meiner Frauenärztin einzuholen. Für die nächsten zwei Tage und Nächte hofften und beteten wir mit schwerem Herzen noch für ein Wunder, bis die Vertretung meiner Ärztin es leider bestätigte: Unser Baby hatte keinen Herzschlag mehr. Wir hatten nun zwei Optionen: Auf einen natürlichen Abgang warten, oder eine Ausschabung im Krankenhaus. Wir entschieden uns für ersteres. Die nächsten zwei Wochen waren kräftezehrend und voller mentalem und körperlichem Schmerz. Wir weinten viel zusammen, ich blutete extrem viel und lag viel im Bett, während wundervolle Freunde und Familie für uns kochten und uns Selah stundenweise abnahmen. Ich war dankbar, dass es natürlich passierte, aber es war gleichzeitig auch extrem schwer zu sehen, wie ich praktisch ein Kind „ausblutete“. Es fühlte sich ein wenig an wie im Wochenbett, nur dass da kein gesundes warmes Baby neben mir lag.

 

Unsere Herzen waren gebrochen
Wie sollte das Leben einfach weitergehen? Warum war das passiert? Hatte ich wirklich keine Schuld daran? Viele Fragen flogen mir durch den Kopf und gleichzeitig fühlte ich mich Gott so nahe wie noch nie zuvor. Er war um mich und bei mir, in meinem Schmerz und in der Trauer. Er zeigte uns, dass es ein Junge gewesen war und gab uns den Namen Nathan, was „Geschenk Gottes“ bedeutet. Und obwohl wir um die Zeit trauerten, die wir nie mit ihm erleben würden, spürten wir gleichzeitig einen tiefen Frieden und eine Dankbarkeit, die nur Gott geben konnte.

Wir waren dankbar, dass wir Nathan’s Eltern hatten sein dürfen, egal wie kurz. Wir waren dankbar, dass er jetzt bei Gott war, wo er niemals Leid und Schmerz erleben musste. Wir waren dankbar, dass es uns eines Tages möglich sein würde ihn zu sehen, zu umarmen und zu küssen. Wir waren dankbar, dass wir durch sein Leben und seinen Tod erfahren durften wie Gott mit uns durch Höhen und Tiefen geht und niemals verlässt. Und für so viel mehr.

 

Doch wir werden ihn wiedersehen!

Wir werden Nathan immer in unseren Herzen tragen und können es nicht erwarten ihn kennenzulernen. Bis dahin gehen wir mit Gott durch dieses Leben, was oft schmerzhaft und trotzdem wunderschön ist und möchten jeden ermutigen der selbst eine Fehlgeburt erlebt hat: Du bist nicht allein. Gott ist bei dir, in dem Schmerz und dem Nicht-Verstehen, in der Dunkelheit und Ungewissheit. Er möchte dir seinen Frieden schenken – strecke dich danach aus.

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